Herz, Leber, Stoffwechsel: Die weltweite CLM-Syndemie

Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettleber, Diabetes und Adipositas verstärken sich gegenseitig. Eine Übersichtsarbeit zeigt Zahlen, Prognosen und Lösungswege.

Liver & Heart Team

Liver & Heart Team

Author

17. Okt. 20264 min read9 views

Kurzfassung: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettleber (MASLD), Typ-2-Diabetes und Adipositas treten oft gemeinsam auf und verstärken sich gegenseitig. Eine Übersichtsarbeit in Nature Reviews Cardiology bezeichnet das als „Syndemie“: Allein 2021 gingen dadurch 21,2 Millionen Todesfälle und 435 Millionen gesunde Lebensjahre verloren. Die Autoren schlagen einen Rahmen auf drei Ebenen vor: Risiko genauer abschätzen, Gemeinden stärken und soziale Ursachen angehen.

Stand der Erkenntnisse: Die Übersichtsarbeit erschien in Band 23 (April 2026) der Zeitschrift. Ihre Zahlen stammen überwiegend aus dem Jahr 2021; Prognosen reichen bis 2050. Die Methoden stehen im Zusatzmaterial der Arbeit. Dieser Artikel wurde am 17. Oktober 2026 erstellt; neuere Studien sind nicht berücksichtigt.

Worum geht es?

Eine Syndemie ist das Zusammenwirken mehrerer Epidemien, die sich gegenseitig verstärken und von gemeinsamen sozialen Ursachen getrieben werden. Hier sind es Herz-Kreislauf-Erkrankungen, MASLD (metabolische Fettlebererkrankung, früher NAFLD), Typ-2-Diabetes und Adipositas (CLM-Syndemie, nach „cardiovascular–liver–metabolic“). Gemeinsame Wege sind Entzündung, Insulinresistenz und übermäßiges Bauchfett.

Wie wurde untersucht?

Es handelt sich um eine Übersichtsarbeit von Chew, Sperling und Kollegen aus Singapur und den USA, keine neue Patientenstudie. Sie fasst epidemiologische Daten zur Krankheitslast zusammen, zeigt Prognosen bis 2050 und schlägt Maßnahmen auf drei Ebenen vor (mikro: einzelne Menschen, meso: Gemeinden, makro: Politik und Gesundheitssystem).

Was zeigt die Übersicht?

  • Viele Betroffene: 2021 lebte etwa jeder dritte Erwachsene (32 %) mit MASLD, rund 1,27 Milliarden Menschen. Rund jeder vierte Mensch hatte Adipositas, 506 Millionen hatten Typ-2-Diabetes (10,5 % der 20- bis 79-Jährigen).
  • Gemeinsam häufiger: MASLD kommt bei Typ-2-Diabetes in 65 bis 70 % der Fälle vor, bei Adipositas bei 75,3 %. Menschen mit MASLD sterben häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen (4,20 Todesfälle pro 1.000 Personenjahre) als an der Leber (0,92) oder an Krebs außerhalb der Leber (2,83).
  • Fortschritt gebremst: Der jahrzehntelange Rückgang der Herz-Kreislauf-Sterblichkeit hat sich abgeflacht. In den USA kosten die zusammenhängenden Erkrankungen fast 500 Milliarden US-Dollar direkt und 1,2 Billionen US-Dollar indirekt pro Jahr.
  • Ungleich verteilt: Die höchste Herz-Kreislauf-Sterblichkeit (altersbereinigt) liegt in Mittel- und Osteuropa sowie Zentralasien (376,1 pro 100.000), die höchste MASLD-Sterblichkeit in Lateinamerika und der Karibik (3,4 pro 100.000). Soziale Benachteiligung wie Armut, niedrige Bildung und unsichere Ernährung verschlechtern die Aussichten.
  • Ausblick bis 2050: Die Zahl der Herz-Kreislauf-Erkrankten soll um 90 % steigen, vor allem durch Bevölkerungswachstum und Alterung. Pro 100.000 Menschen gerechnet sinken die verlorenen gesunden Lebensjahre durch Herzinfarkt um 41,6 % und die Schlaganfall-Sterblichkeit um 37,5 %, die verlorenen Lebensjahre durch Typ-2-Diabetes steigen dagegen um 22,3 %.
  • Zu spät erkannt: In einer weltweiten Umfrage unterschätzten 64 % der Hausarztpraxis-Ärztinnen und -Ärzte die Häufigkeit von MASLD; in einer US-Studie berichteten nur 46 % von 250 Hausarztpraxis-Ärztinnen und -Ärzten über Screening bei Adipositas und Typ-2-Diabetes.
  • Fibrose-Test mit Schwächen: Der FIB-4-Index erkennt fortgeschrittene Fibrose mit 98 % Spezifität, aber nur 33 % Sensitivität. Bei Menschen ab 65 Jahren wird eine Schwelle von 2,0 empfohlen, bei bis zu 35-Jährigen funktioniert er schlecht.
  • Medikamente nutzen: SGLT2-Hemmer, GLP-1-Rezeptoragonisten und PPAR-Wirkstoffe können Blutzucker, Gewicht und Leberfett zugleich senken, werden aber zu selten verschrieben.
  • Studien schließen Leber aus: In der SELECT-Studie (Semaglutid) hatten nur 8,2 % der Teilnehmenden MASLD. Die Autoren fordern, Lebererkrankungen in Herzstudien einzubeziehen.

Wo sind die Grenzen?

  • Die Arbeit ist eine Übersicht, kein systematischer Review; die Auswahl der Quellen liegt bei den Autoren.
  • Die Prognosen bis 2050 sind Modellrechnungen mit großer Unsicherheit.
  • Ob MASLD Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursacht oder nur mit ihnen auftritt, ist nicht geklärt; genetische Analysen belegen keinen ursächlichen Zusammenhang.
  • Die Definition der CLM-Syndemie ist noch nicht einheitlich; der vorgeschlagene Rahmen ist ein Konzept und noch nicht in der Praxis geprüft.
  • Wissen zum Verlauf von MASLD stammt vor allem aus Leberbiopsie-Registern, was das Bild verzerren kann. In Regionen mit wenig Diagnostik kann die Krankheitslast unterschätzt sein.

Was bedeutet das für mich?

Die Übersicht beschreibt Bevölkerungen und sagt nichts über Ihr persönliches Risiko. Sie zeigt aber, dass Herz, Leber, Blutzucker und Gewicht zusammen betrachtet werden sollten. Wer Adipositas, Typ-2-Diabetes oder andere Herz-Kreislauf-Risikofaktoren hat, kann in der Hausarztpraxis nach einer Einschätzung des Leberfibrose-Risikos fragen. Besprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, welche Untersuchungen und Behandlungen für Sie sinnvoll sind.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.

Quelle und Hinweise

  • Zitat: Chew NWS, Mehta A, Goh R, et al. The global cardiovascular–liver–metabolic syndemic: epidemiology, trends and challenges. Nat Rev Cardiol 2026;23:219–238. DOI: 10.1038/s41569-025-01220-4.
  • Studienart: Übersichtsarbeit (Review article) mit epidemiologischen Daten und Prognosen.
  • Förderung: Mehrere Autoren erhalten Mittel der National University Health System Seed Fund, des CSDU Clinician-Scientist Grant und des National Medical Research Council Singapur. Die Arbeit beruht auf Arbeit des Programms CADENCE (Cardiovascular Disease Collaborative Enterprise).
  • Interessenkonflikte: Mehrere Autoren geben Honorare, Beratertätigkeiten oder Forschungsgelder von Pharma- und Medizintechnikunternehmen an, darunter Novo Nordisk, Eli Lilly und Boehringer Ingelheim; ein Autor nennt Aktienoptionen. Die übrigen Autoren geben keine Interessenkonflikte an.

References1

  1. Chew NWS, Mehta A, Goh R, et al.. The global cardiovascular-liver-metabolic syndemic: epidemiology, trends and challenges. Nat Rev Cardiol 2026;23:219-238. doi↑
Liver & Heart Team

Written by

Liver & Heart Team